Der Berg nach der Wende von 1989

Alle Anfragen an vorgesetzte Dienststellen, die sich mit dem Keulenberg befaßten, wurden in den Jahren totgeschwiegen oder mit den Worten eines Staatsfeindes oder Provokateurs abgetan. Jahre verstrichen und an unserem Keulenberg durfte nicht gerüttelt werden. Doch - einmal ist das Maß voll. Durch die Ereignisse um den 40. Jahrestag, wo das Volk auf die Straße ging und die Staatsführung zu Änderungen zwang, keimte auch hier die Hoffnung zu Besserem. Als am 9. November 1989 die Grenzen geöffnet wurden, konnte auch der Keulenberg nicht mehr verschlossen bleiben. Am 11. November 1989 zu einer Faschingsveranstaltung wurde verkündet: ,,Der Keulenberg gehört wieder dem Volke." Hier nun der Bericht des W. Bieger aus der ,,Sächsischen Zeitung".
,,Solch ein Gewimmel möcht ich sehn,
auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön.

Diese Worte, die Goethe vor mehr als 150 Jahren seinem Doktor Faustus sagen ließ, charakterisieren sehr treffend das Geschehen vom 12. November 1989 in Oberlichtenau. Kein Oberlichtenauer hat vergessen, wie Roland Kirfes Eingabe noch vor zwei Jahren mit Ignoranz und Arroganz schroff vom Tisch gefegt wurde.
Von diesem Wochenende an, ist wieder frei zugänglich für jedermann, der sagenumwobene "Keulenberg".
Sehr lang war die Menschenschlange, die sich 13.00 Uhr an der Schule in Bewegung setzte, um noch mehr als 27 Jahren erneut auf dem Gipfel "ihres Berges" zu stehen. Sehr breitgefächert war das Altersspektrum, vom Kleinstkind im Kinderwagen bis ins hohe Rentenalter hinein. Für viele Wanderer war es überhaupt die erste Begegnung mit diesem einzigartigen Aussichtspunkt unserer Heimat. Beifall und Freudenausbrüche gab es, als das Eisentor durchschritten wurde, das bei den Oberlichtenauern über lange Jahre ähnliche Emotionen auslöste wie bei den Berlinern ein anderes schreckliches Bauwerk.,,Wir haben ein Stück Heimaterde wieder", betonte Roland Kirfe in einer kurzen Ansprache. Ihm und allen anderen Mitgliedern der Bürgerinitiative Keulenberg brachten die Oberlichtenauer an diesem Tag ein besonders herzliches Dankeschön entgegen. Wer aber trägt die Verantwortung für den erschreckenden Verfall der Keulenbergbaude die von 1862 bis 1962 ein beliebtes Ausflugsziel darstellte. Hat die Absperrung des Berges unser Land jemals sicherer gemacht? Hunderte Unterschriften tragen die Zettel, auf denen zur Mithilfe aufgerufen wurde, damit der Keulenberg wieder zu einem Wahrzeichen der umliegenden Orte wird. Als nun das Keulenberglied angestimmt wurde, hatten nicht wenige vorwiegend ältere Bürger, Tränen in den Augen. Die Jagdhornbläser aus Oberlichtenau, das Posaunenorchester, das mit anderen Königsbrückern auf dem Berg erschien, ein Gitarrenspieler der Kirchgemeinde, die Oberlichtenauer, die für Bratwurst und Getränke sorgten - auch sie hatten Anteil daran, daß der 12. November 1989 ein historisches Datum in der Oberlichtenauer Geschichte darstellt. Und organisiert wurde dies alles in nur einer einzigen Nacht. Den gesamten Winter über strömten samstags und sonntags viele Besucher auf den Keulenberg. Erstaunen zeigte sich auf vielen Gesichtern, wenn sie sahen, wie es möglich war, daß die Bergbaude von staatlichen Organen so dem Verfall preisgegeben wurde.
Das Gipfelgebiet um die Baude ist am 1. Februar 1990 in Gemeindeverwaltung übergegangen. Das war der Startschuß, um den Berg wieder attraktiver zu gestalten. Bäume und Sträucher sind entfernt oder zurückgeschnitten worden, Wege freigelegt, Sitzgelegenheiten und kleine Verkaufseinrichtungen geschaffen. Die Interessengemeinschaft Keulenberg bemüht sich, den unter Naturschutz stehenden Gipfel zu einem
Schmuckstück zu gestalten. So hoffen wir, und mit uns alle Bewohner der umliegenden Orte, daß die Keulenbergbaude nach Neubau sehr schnell wieder eröffnet wird. So wollen wir froh in die Zukunft blicken und die Hoffnung haben, daß unseren Kindern und Kindeskindern der Keulenberg, Berg der Heimat, für immer erhalten bleibt.

Übernommen aus dem Heft "Keulenberg-Berg der Heimat"